Bevor es Schrift gab, gab es Gesang
In Georgien singt man nicht, um zu unterhalten. Man singt, um zu existieren. Der Gesang war vor der Schrift da, vor der Kirche, vor dem Staat. Er begleitete die Aussaat und die Ernte, den Krieg und den Frieden, die Geburt und den Tod. Und er klingt bis heute genauso – roh, mehrstimmig, unverwechselbar.
Die georgische Polyphonie ist kein Folklorismus für Touristen. Sie ist eine lebendige Tradition, die in Dörfern und Städten, bei Supras und auf Weltbühnen gleichermaßen zu Hause ist. Und zusammen mit dem georgischen Volkstanz – wild, präzise, atemberaubend – bildet sie das vollständigste Bild einer Kultur, das man ohne Worte erleben kann
Was ist Polyphonie – und warum ist die georgische einzigartig?
Polyphonie bedeutet: mehrere unabhängige Stimmen erklingen gleichzeitig. Das kennt man aus der europäischen Kirchenmusik, aus Bach, aus dem Jazz. Aber die georgische Polyphonie hat sich vollkommen unabhängig davon entwickelt – mit eigenen Regeln, eigenen Tonlagen, eigenen Harmonien.
Die georgische Polyphonie entwickelte sich unabhängig von Europa und basiert neben dem eigenen Notensystem auf eigenständigen theoretischen Grundlagen und einem eigenen Tonlagensystem.
Das Ergebnis klingt für westliche Ohren zunächst fremd – fast dissonant, schwebend, wie aus einer anderen Welt. Und genau das ist es: eine andere Welt. Eine, die es so nur in Georgien gibt.
Die Volksmusik Georgiens umfasst mindestens fünfzehn regionale Stile, die in der georgischen Musikwissenschaft als „musikalische Dialekte“ bekannt sind. Jede Region hat ihre eigene Stimme: die schweren, erdigen Männergesänge Kachetiens, die komplexen dreistimmigen Harmonien Guriens im Westen, die kirchlichen Chorgesänge mit jahrhundertealter Tradition.
2001 erklärte die UNESCO die georgische Polyphonie zum Meisterwerk des mündlichen und immateriellen Erbes der Menschheit – eine der höchsten Anerkennungen, die eine Kulturtradition weltweit erhalten kann.
Ensemble Rustavi – die Stimme Georgiens für die Welt
Wer georgische Polyphonie einmal live gehört hat, nennt früher oder später einen Namen: Rustavi. Das 1968 gegründete Ensemble gilt als die wichtigste Volksmusikgruppe Georgiens und hat georgischen Gesang auf die Konzertbühnen der ganzen Welt gebracht – von der Carnegie Hall bis zur Berliner Philharmonie.
Georgischer Volkstanz: Feuer auf der Bühne
Wenn die Musik beginnt, beginnt auch der Tanz – und wer ihn zum ersten Mal sieht, hält den Atem an.
Georgischer Volkstanz ist das Gegenteil von Gemächlichkeit. Atemberaubend schnell wirbeln die Tänzer über die Bühne. Man spürt die Leidenschaft, wenn die Tänzer ihre angedeuteten Schwertkämpfe austragen und bewundert die graziöse Anmut der Tänzerinnen. Dabei spielt Körperbeherrschung eine große Rolle.
Die Männer tanzen auf den Zehenspitzen – buchstäblich. Ohne Spitzenschuhe, ohne Hilfsmittel. In Kombination mit halsbrecherischen Sprüngen, blitzschnellen Drehungen und dramatischen Schwertkampf-Choreografien entsteht etwas, das man kaum glauben kann, wenn man es zum ersten Mal sieht.
Die Frauen tanzen ganz anders – fließend, schwebend, mit kaum sichtbaren Schritten unter langen Gewändern. Der Respekt und die Ehrerbietung, die georgische Männer ihren Frauen zeigen, wird in den Tänzen deutlich dargestellt. Die Frau ist im georgischen Tanz das Bild der Anmut und Würde – der Mann das Bild der Kraft und des Mutes. Gemeinsam erzählen sie eine Geschichte ohne Worte.
Sukhishvili – das Nationalballett der Welt
Das erste staatliche Nationalballett „Sukhishvili“, das heute weltweit auftritt, wurde gleich nach dem Zweiten Weltkrieg gegründet und bringt verschiedene regionale Tänze auf die Bühne.
Eine Sukhishvili-Aufführung in Tiflis zu erleben ist schlicht unvergesslich. Die Kombination aus Live-Musik, perfekt einstudierter Choreografie und der emotionalen Wucht des georgischen Tanzes lässt niemanden kalt. Tickets sind günstig, aber sind immer schnell ausverkauft, wenn Sie Glück haben und auf ihr Konzert gehen, die Wirkung ist unbezahlbar.